Mir fällt zu Epstein nichts ein
Oder: Ein Angebot, das nur monströs klingt für Mittellose
“Mir fällt zu Hitler nichts ein” hat Karl Kraus 1933 in “Die Dritte Walpurgisnacht” geschrieben. Dieselbe Sprachlosigkeit stünde uns heute gut zu Gesicht, was Jeffrey Epstein angeht. Doch was geschieht stattdessen: Medienfeuerwerk, sich überschlagene Deutungen und Urteile. Die Öffentlichkeit dreht durch. Sie arbeitet sich an (vermeintlichen) Fakten ab, sie empört sich über Epstein und über alle, die mit ihm assoziiert waren. Sie fühlt in sich schon ein neues “Nie wieder!” aufsteigen.
Doch wird das funktionieren? Ich fürchte, nein. Nach Epstein wird vor Epstein Redux sein. Nichts wird sich ändern - wenn Epstein et al. nicht wirklich die Herzen ergreifen. Und das bedeutet: Solange man nicht Epstein und seine Mittäter mit etwas Abstand als allzu menschliche Menschen “wie du und ich” begreifen kann, solange man nicht ein wenig der Faszination spürt, die die ergriffen hat, die sich in seinem Netz verfangen haben wider all ihre Intelligenz, solange kann Epstein nur wieder passieren. Ohne solche Schatten, die alle Menschen in sich tragen, zu integrieren, wird alles bleiben wie es ist. Nur ein bisschen anders.
Mit dem folgenden Gedankenexperiment möchte ich versuchen, ein wenig diese Schatten auszuleuchten. Versuchen wir, nicht in den Rückspiegel zu schauen. Versuchen wir, aus unserer Ohnmacht in einen Sessel zu rutschen, in dem sich Selbstgewissheit und Erfolg räkeln.
Wie würde es sich anhören, anfühlen, wenn Epstein uns mit einer verwegenen Business-Idee vor Jahren gegenüber gestanden hätte? Was, wenn er ein Angebot machen gemacht hätte, das unglaublich und gewagt, hochriskant, aber auch nach ultimativer Form von Exklusivität und Machtgewinn geklungen hätte?
Das Folgende ist natürlich so nie passiert. Nicht so, aber dennoch. Was passiert ist, war viel subtiler. Im Effekt hat Jeffrey Epstein erreicht, was er wollte.
Was nachstehend skizziert wird, war (oder ist immer noch in irgendeiner Form und irgendwo?) Realität. Als Drehbuch wäre die Geschichte wahrscheinlich abgelehnt worden. Sogar, als sie Realität geworden war, wurde sie als irreal abgetan. Um “das System Epstein” zu begreifen, muss man sich das immer wieder vor Augen führen.
Insofern halte ich diese Dramatisierung für ein probates Mittel, das Unerhörte so nahe zu bringen, dass sich in jedem die Fragen regen kann: “Was hätte ich zu dem Angebot gesagt, wenn ich genügend Mittel gehabt, wenn ich hoch genug in der Hierarchie der Eliten gestanden hätte?”
Und nun: Die Höhle der Löwen.
Scheinwerfer an!
Auftritt: Jeffrey Epstein.
“Sehr geehrte Löwen, Sie sind hier, um meine Geschäftsidee daraufhin zu beurteilen, ob sich damit für Sie selbst Geld machen lässt. Sie suchen eine Beteiligung zu Ihrem eigenen Vorteil. Sie entscheiden, ob ich ein Investitionsinstrument für Sie sein könnte.
Fair enough. Das habe ich verstanden, sonst wäre ich nicht hier. Sie wollen mich als Mittel nutzen - und ich sie auch. Wir sind auf Augenhöhe. Vielleicht wird daraus sogar eine Partnerschaft?
Wir werden sehen, ob Sie mir mehr als eine weitere Minute zuhören wollen.
Denn: Ich will Ihr Geld. 25.000.000 Dollar, um genau zu sein. Aber ich biete Ihnen keine finanzielle Beteiligung. Ihrer Investition stehen 0% ROI durch mich gegenüber.
Natürlich verstehe ich, dass Sie für Ihr Geld etwas als Gegenleistung haben wollen. 25 Mio. Dollar sind kein Pappenstiel, auch für gestandene Investoren wie Sie nicht.
Also, was biete ich Ihnen als Gegenleistung?
Ich schildere Ihnen jetzt meine Weltsicht und was ich daraus für meine Businessidee ableite. Am Ende mache ich Ihnen mein Angebot.
Halten Sie es bis dahin aus? Oder bin ich schon unseriös für Sie geworden, weil ich Geld nicht mit Geld vergelten will?
Meine Weltsicht ist eine sehr simple: Ich sehe die wirklich Reichen, die wirklich Mächtigen, die echte Elite als Menschen. Es sind Menschen wie Sie und ich. Nur sind sie es auf einem ganz andere Niveau. Sie sind abgehoben, sie sind wie Astronauten, die um die Erde schweben. Sie haben den Kontakt mit jeder Art von Normalität verloren.
Ihr Reichtum, ihre Macht, ihr Status - ob als Finanzexperte, Konzernlenker, Politiker, Aristokrat, Wissenschaftler oder einfach nur außerordentliche Berühmtheit aus welchem Grund auch immer - machen sie allerdings nicht zufrieden. Sie bleiben Menschen mit Begierden, Lüsten, Ängsten. Und sie bleiben Menschen, die weiterhin angetrieben von dem sind, was sie dorthin gebracht hat, wo sie sind: Habgier im ganz allgemeinen Sinn.
Sie selbst kennen das in gewissem Maß auch, sonst wären Sie nicht hier. Sie wollen mehr von dem, was sie schon nach normalen Maßstäben zur Genüge haben: Geld und Ansehen. Sie wollen mehr haben und den Kitzel des Risikos nicht missen. Das macht sie aus.
Dafür sind sie auch bereit, einen Preis zu zahlen: den Preis der Öffentlichkeit, der Beobachtung. Sie fühlen sich als privilegierte Individuen - und sind gleichzeitig Exponate. Was sie sagen oder tun, wo Sie Urlaub machen, wen Sie treffen: all das und Tausenderlei mehr bestaunt die newssüchtige Öffentlichkeit im Sekundentakt mit Genuss. Man applaudiert Ihnen - oder zerreißt sich das Maul über Sie.
Genau das geschieht denen, die ich meine, ebenso - nur auf einem noch höheren Niveau. Sie leben in einem Panoptikum. Sie sind ständig für alle sichtbar. Und das ist nicht einfach erhebend und eine Bestätigung der eigenen Leistung, sondern auch eine Last. Unter solcher Beobachtung des gnadenlosen Zensors Öffentlichkeit fällt es nicht leicht, Mensch zu bleiben, zu dem auch Privatsphäre gehört mit all ihren dunklen Seiten.
Ich spreche über Weltelite weit über Ihnen. Ich spreche über die, die die Welt lenken und ihre Zukunft bestimmen oder bestimmen möchten und nicht nur Business machen wollen. Ich spreche über die, wo es nicht um Geld, sondern Legacy geht. Oder manchmal geht es einfach auch nur darum, sich zu spüren. Dazu braucht es den Kick.
Was bereitet Menschen einen Kick, die schon alles, wirklich alles haben oder haben können?
An der Spitze der Spitze, dort, wo die Luft wirklich dünn ist, bringt Vertrauen einen Kick. Einen Freund zu haben, jemanden zu haben, der versteht, was diese Menschen um- und antreibt, ist etwas, das Hormone freisetzt. Davon wollen alle mehr
Und es gibt einen Kick, wenn man mit anderen auf diesem Level auf Augenhöhe Projekte starten kann, die wirklich etwas verändern können. Geschichte zu schreiben, auf kurzem Weg Weichen zu stellen für echten Fortschritt, das ist ein erhebendes Gefühl. Dafür lohnt es sich nicht nur, morgens aufzustehen. Dafür lohnt es sich, abends nicht ins Bett zu gehen, sondern zu tun, was zu tun nötig ist. Whatever it takes.
Und es gibt einen besonderen Kick, sich der eigenen besonderen Position bewusst zu werden. Reichtum kann so normal sein. Alles kann wie früher sein, nur größer und mehr. Ist es das, wofür man all die Risiken eingegangen ist, dass das Leben dann normal bleibt? Nein!
Wenn man alles haben kann, schmeckt irgendwann selbst der teuerste Wein wie Leitungswasser und der feinste Kaviar wie Asche im Mund. Man stumpft ab. Der Luxus wird zur Last der Gewöhnlichkeit. Man spürt sich nicht mehr. Alles ist erreichbar, alles ist käuflich – und damit wird alles wertlos.
Wert bekommt, was nicht käuflich ist, was jenseits der Transaktionen liegt. Es geht dann - wieder - um Relationen, Beziehungen, Nähe. Auf die eine oder andere Weise.
Diese Beziehungen können natürlich nicht die zwischen “Sportsfreunden” sein. Es braucht etwas jenseits des Normalen für einen echten Kick. Und was liegt jenseits des Normalen. Es ist das Abnormale.
Ultimativ besonders, herausgehoben, geradezu erwählt fühlt sich, wer nicht mehr durch die Gesetze der Gesellschaft gebunden ist.
Können Sie meiner Beschreibung dieser gewissen Gruppe, geradezu Spezies von Mensch folgen? Gibt es Ihnen eine gewisse Resonanz? Sie sind Löwen, die Könige der Savanne, an der Spitze der Nahrungskette. Denken Sie. Bis sie einem Rudel Hyänen gegenüberstehen.
Nein, Sie sind noch nicht wirklich an der Spitze. Auch Sie sind noch potenzielles Futter. Doch es gibt eine Spitze. Sie ist weiter vor Ihnen in der Nahrungskette. Sie ist nicht statisch, sondern in ständiger Bewegung. Doch sie ist vorhanden und Menschen ringen darum, dort zu bleiben oder sich dorthin zu entwickeln.
Und genau diese Menschen sind meine Zielgruppe.
Meine Zielgruppe sind die Menschen, die alles haben - und dennoch nicht zufrieden sein können. Sie haben es verlernt oder nie das Gen dafür gehabt. Es sind die Getriebenen, die Unersättlichen, die so weit gekommen sind, dass Ihnen die Welt im wahrsten Sinne zu Füßen liegt; sie können auf ihr herumtrampeln.
Nur löst das nicht ihr Problem. Der Trieb in ihnen ist unersättlich und suchend.
Bis, ja, bis sie mich treffen.
Denn ich verstehe sie und ich will und kann ihnen geben, wonach sie gieren, süchtig sind.
Meine Vision ist kein Business. Es ist auch kein monopolistisches Business. Es ist mehr: Ich will eine Singularität erschaffen.
Diese Singularität spannt einen Raum auf, in dem die Träume der Weltelite wahr werden. Alle Träume.
Alle, ja, alle Träume. Die im Grunde simplen nach Connections, die ordinären nach mehr Geld, die selbstverständlichen nach Wissen und Einfluss, und die ganz, ganz dunklen, feuchten.
Es ist einerlei.
In der Singularität gibt es keine Scham.
Wenn Sie wollen, nenne ich mein Produkt ganz einfach: Schamlosigkeit für die Elite der Elite.
Die Singularität manifestiert sich in besonderen Orten, die eines gemeinsamen haben: Isolation. Wer in sie seinen Fuß setzt, verlässt die normale Welt. In der Singularität befinden sich alle quasi in der Schwerelosigkeit eines Parabelfluges.
Die tollsten Kapriolen sind möglich. Adrenalin und Dopamin sind die entscheidenden Drogen in der Singularität. Und Oxytozin, denn es geht auch um Nähe. Wer sich in der Singularität begegnet, kann nicht anders, als sich zu vertrauen.
Es gibt keine Alternative. Ohne Vertrauen zu allen anderen, die Zutritt zur Singularität haben, kann sie nicht verlassen werden. Ich nenne das auch: Mutually Assured Discretion.
Denn was in der Singularität erlebt wird, muss in der Singularität bleiben.
Sie können sich vorstellen, dass der Aufbau eines solchen Ortes Zeit und Geld kostet. Eine erste Investition konnte ich schon sichern. Ich bin Bootstrapper und habe durch eigenes Bemühen Verfügungsgewalt über ein beträchtliches internationales Vermögen gewinnen können. Es gibt schon erste Anwärter auf die Mitgliedschaft in der Singularität.
Dennoch sind damit noch nicht alle Mittel vorhanden, um sie nachhaltig aufzubauen. Aus diesem Grunde wende ich mich an Sie.
Dass ich an dieser Stelle noch nicht näher auf konkrete Ausgestaltung des Interiors der Singularität eingehen kann, werden Sie verstehen. Lassen Sie mich nur so viel sagen: zu Lande, zu Wasser und in der Luft werden Orte dazu gehören, in denen die Elite der Elite die Deals machen können, die Geschichte schreiben werden - auf die eine oder andere Weise - und die Genüsse erleben können, die ihnen im Panoptikum verwehrt bleiben.
Sie mögen meine Skizze für größenwahnsinnig halten. Das steht Ihnen frei. Ich erlaube mir eine solche Beurteilung jedoch als vorschnell und - lassen Sie es mich so ausdrücken - phantasielos und geschichtsvergessen abzutun.
Die Singularität - denn zu jeder Zeit kann es nur einen solchen Ort weltweit geben - ist konsequent. Sie ist, wonach die Welt giert. Genauer: die Elite der Welt für ihre eigenen Zwecke - und im Grunde auch alle Medienkonsumenten.
Natürlich ist das, was in der Singularität getan und gesagt wird, top secret. Verschwiegenheit ist das Fundament, das für die Grenzüberschreitung, die Zügellosigkeit unabdingbar ist. Dennoch werden hier und da Hinweise nach außen dringen.
Das ist nicht zu vermeiden und am Ende sogar eine Verstärkung der Wirkung der Singularität.
Die Singularität ist kein Wohltätigkeitsverein. Sie soll für Ihre Mitglieder Geld und mehr bieten. Viel Geld und viel mehr. Sie wird Interesse wecken, Begehrlichkeiten werden angeregt. Weitere Investoren und schließlich Käufer verschiedenster Produkte, die sich aus den in der Singularität kreisenden Rohstoffen herstellen lassen, werden sich zunehmend einstellen. Dazu förderlich ist eine Aura, zu der ihr haarfeine, kontrollierte Risse verhelfen.
Sie fragen sich vielleicht: Ist das skalierbar? Ich sage Ihnen: Es ist das einzige Geschäftsmodell, das unendliche Skalierbarkeit besitzt. In einer Welt, die immer transparenter, immer moralisierender und regulierter wird, wächst die Sehnsucht nach dem Unberührbaren, nach dem dunklen Freiraum, exponentiell.
Je mehr Regeln die Welt da draußen aufstellt, desto wertvoller wird es, sich in der Singularität aufhalten zu können.
Tabubruch ist der Wunsch, der niemals gestillt wird; die Elite der Elite leidet Tantalusqualen. Und die Singularität still ihren Durst.
Sie bedient eine Nachfrage, die so alt ist wie die Menschheit, aber sie tut es mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks und in noch nie da gewesener Reichweite.
Aber was rede ich. An dieser Stelle habe ich Ihre Gedanken genug mit Andeutungen angeregt. Keimt in Ihnen eine Idee davon, was ich Ihnen biete, wenn ich sage, dass Ihnen Ihre Investition in die Singularität eine lebenslange Mitgliedschaft sichert?
Mein Versprechen sind kein prozentualen Anteile an einem ROI, sondern ein goldener Hebel, mit dem Sie Ihre kühnsten Träume in der Singularität selbst in Bewegung setzen können.
Wenn Sie sich eingefühlt haben in meine Vision, dann steht mein Angebot: Wer mir 25.000.000 Dollar zur Verfügung stellt, wird einen Platz in der Singularität am Tisch der Elite der Elite haben. Ob das einer von Ihnen ist oder mehrere zusammen, ist nicht wichtig. Entscheiden Sie für sich, tauschen Sie sich untereinander aus.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Sie haben mich ausreden lassen. Das war sehr freundlich. Ich habe Ihre Geduld mit mir strapaziert mit einem Konzept, das eigentlich diesen TV-Rahmen sprengen muss.
Deshalb erlaube ich mir auch, mich von Ihnen zu verabschieden. Ich überlasse Sie Ihrer Verwunderung oder Ihrer Empörung oder Ihrem Begehren. Sie haben nun von mir gehört und haben meine Nummer. Lassen Sie gern von sich hören.
Guten Abend!”


